Kurzkommentar - 1. Dezember 2010

Albert Wieland
Zur Lage - *
Grund zur Erneuerung



Den Völkern der Welt ist die Frage ihrer Existenzberechtigung kraft ihres Daseins ohne Diskussionsbedarf selbstverständlich. Nur ein Volk, das deutsche, lässt sich ständig in Frage stellen. Jahrzehntelang versuchten sogar Vordenker mit den von ihnen orientierten Verantwortlichen in Staat und Politik, uns bei den sozialistischen Alptraumstaaten mit ihren Gulags und ihrer Mangelwirtschaft abzuliefern. Gott sei Dank kam dem, kurz vor dem Erfolg, durch die amerikanische Politik und ihrer militärischen Stärke der Zusammenbruch des Ostblocks zuvor. Dann sollten wir in dem Hochofen Europa eingeschmolzen und zum Verschwinden gebracht werden. Wieder Gott sei Dank erwies der Hochofen sich aber eher als eine Art Spirituskocher, der jetzt sogar auf uns angewiesen ist. Nun sollen wir in einer multikulturellen Gesellschaft, der wir unser Land abtreten und für die Bewirtung sorgen sollen, aufgehen. In der Politeia führt Platon aus, dass die Herrschenden vor allem anderen über ein bestimmtes Wissen verfügen müssen, ein Wissen nämlich über die Dinge, die ein Gemeinwesen verderben und in den Untergang treiben, um damit und der Macht der Gemeinschaft das Verderben des Volkes als etwas Undenkbares zu verhindern. Dass gewählte Volksvertreter und ihre Vordenker selbst zu Verderbern werden könnten, hielt er wohl für undenkbar.

Präsident Obama und Ministerpräsident Medwedew gratulierten dem deutschen Volk sehr herzlich zu seiner Wiedervereinigung. Wer die Festrede von Bundespräsident Wulff in Bremen bei der Hauptfeier zu der Wiedervereinigung vor 20 Jahren gehört hat, rätselt, wem diese Gratulanten wohl gratuliert haben mögen, denn das deutsche Volk als Souverän unseres Staates kam in dieser Rede nicht vor, statt dessen die Verkündigung, dass wir nun eine multireligiöse und multikulturelle Gesellschaft in Deutschland sind. Möglicherweise ist das nicht das, was man als Abschaffung des deutschen Volkes daraus ablesen könnte, aber trotzdem fragt sich der gesetzestreue Staatsbürger, aufgrund welcher Bundestagsbeschlüsse, Volksabstimmungsergebnisse oder Verfassungsänderungen ein Bundespräsident über seine im Grundgesetz festgelegten Pflichten hinaus solche Äußerungen tun kann. Für jede Demokratie, außer der unseren, wäre dies ein inakzeptabler Vorgang. Der Bundespräsident hat seine „Wiedervereinigungsrede“ in Ankara vor dem türkischen Parlament bezugnehmend auf die türkischen Christen teilweise wiederholt. Diesem Ereignis blieben die meisten Abgeordneten von Erdogans islamisch-konservativer Regierungspartei AKP (die AKP verfügt über 337 der 550 Sitze des türkischen Parlamentes) demonstrativ fern, so dass der Bundespräsident vor deutlich weniger als der Hälfte der Abgeordneten sprach. Wenn man von diesem Affront, den niemand bemerkt haben will, absieht, belegt das doch die Absprache dieses Auftritts, der wohl zur Schadensbegrenzung für den schwer angeschlagenen Bundespräsidenten inszeniert wurde. Dass die türkische Seite, wenn auch mit äußerstem Widerwillen mitgespielt hat, kann nur mit der deutschen Unterstützung der Vollmitgliedschaft für die Türkei in der EU erkauft worden sein.

Unbeeindruckt von der Bestätigung Sarrazins wird versucht, das, was er aufgedeckt hat, wieder zuzuschütten. Dabei scheint man auf Zeit zu spielen und auf das Kurzzeitgedächtnis zu hoffen, denn die eher symbolisch angedachten homöopathischen Maßnahmen sind schon wieder so zerredet, dass wohl, wie üblich, wenig dabei herauskommen dürfte. Die einschlägige Lobby ist doch höchst effizient aufgestellt, musste auch Ministerpräsident Seehofer erfahren, als er forderte, dass Zuwanderer aus der Türkei und arabischen Staaten, die mit Abstand für die meisten Probleme verantwortlich sind, abgewiesen werden sollen. Die grüne und ganz rote Islamlobby erklärte ihn sofort für „umstritten“ und die übliche Hatz begann. Obwohl in der Politik nichts umsonst ist, fragt sich niemand, was diese Islambeschützer, deren Eifer sich leider nicht auf den Schutz unserer Existenzbedingungen richtet, wohl dafür bekommen mögen? Die Bundeskanzlerin rügt zum einen folgenlos milde die muslimischen Immigranten und erklärt mit Blick auf Seehofer, Deutschland bleibe ein offenes, ja sogar weltoffenes Land. Es liegt mir fern, eine Bundeskanzlerin zu belehren, aber man muss doch anmerken, dass ein Land, in dem die von der UN garantierten Existenzrechte des autochthonen Volkes Moralstrategien weichen müssen, kein offenes, sondern ein entgrenztes Land ist, das keine Möglichkeit hat zu verhindern, dass es Spielball von Macht- und Interessenskonstellationen wird. Obwohl der bayerische Ministerpräsident in die gleiche Kerbe schlug wie Sarrazin, ist er jetzt in einer schwierigeren Lage, weil er eben nicht in der SPD ist, die sich in beachtlichem Umfang hinter Sarrazin stellte. Die Repräsentanten der C-Parteien lassen dagegen nicht selten pflichtbewusste Politiker im Regen stehen und sägen sie sogar selbst ab, wenn die Ideologen sie für „umstritten“ erklären.

Die Spitzenverbände der Wirtschaft und der Industrie nehmen die politischen, kulturellen und sozialen Probleme, die die Zuwanderer verursachen, nicht zur Kenntnis, weil diese nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten als Arbeitskräfte gesehen werden. Mit dem Argument des Fachkräftemangels wird die Einwanderung, wenn auch eine qualifizierte, unterstützt, wobei die Trennung zwischen allgemeiner und qualifizierter Zuwanderung wegen des Familiennachzugs, Scheinehen usw. reine Augenwischerei ist. Die pauschale Behauptung des Fachkräftemangels muss aber differenzierter betrachtet werden. Zum einen ist das schulische Bildungswesen bis zur Funktionsunfähigkeit liberalisiert, mit sachfremder Ideologie befrachtet und bringt deshalb zu wenige Absolventen hervor, die eine Berufsausbildung überhaupt bewältigen können. Außerdem reißen die Abtreibungen große Lücken in die Jahrgänge. Der behauptete „Fachkräftemangel“ hält aber selbst namhafte Großfirmen nicht davon ab, junge Ingenieure nach dem Studium wegen mangelnder Berufserfahrung nur für bis zu einjährige, unbezahlte, sogenannte Praktika einzustellen. Hinter vorgehaltener Hand erfährt man, dass man für das Gehalt eines jungen deutschen Ingenieurs mindestens zwei gleichqualifizierte Inder oder Pakistani beispielsweise bekäme. Diese Tatsachen waren Frau von der Leyen bei ihrer Rede vor der Jungen Union wohl nicht bekannt, als sie die Forderung nach einer Fachkräfteeinwanderung in ein Land befürwortete, das bisher weltweit know-how und Spezialisten zur Verfügung stellte.

Womit wir es innenpolitisch zu tun haben, kann man am Beispiel einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung für viele andere erklären. Diese legte in Umfragen Bürgern Begriffe vor, die rechtsextreme Gesinnung aufdecken sollten. Beispielsweise „Volksgemeinschaft“, „Diktatur“ und „Führer“. Die Ergebnisse wurden gerade erst mit dem Titel „Die Mitte in der Krise – rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010“ veröffentlicht. Dieser Befragung liegt keine Definition von „rechtsextrem“ zu Grunde, deshalb hätte im Prinzip alles, was nicht ausdrücklich links ist, erfasst werden können. Bei dem Begriff „Diktatur“ wurden die linken Anhänger der „Diktatur des Proletariats“ nicht gesondert ausgewiesen, sondern subsumiert. Der Begriff „Volksgemeinschaft“ ist so alt wie das deutsche Volk selbst und eine Erklärung, was daran rechtsextrem sein soll, bleiben die Autoren kommentarlos schuldig. Im gleichen Stil wurde auch der Rest dieser Studie erstellt. Im Vergleich mit vorausgegangenen Studien dieser Art stellt man nun fest, dass der Rechtsextremismus auf dem Vormarsch sei. Aufgrund fehlender Definitionen der Parameter ist diese Studie wissenschaftlich wertlos. Die Sprache verrät aber ihrerseits die Ideologen, so dass man diese „Studie“ getrost als ein auf wissenschaftlich frisiertes Propagandapapier bezeichnen kann, dessen Zweck es zu sein scheint, politisierende Rabauken zu Rettern der Demokratie aufzuwerten. Wenn man dagegen politikwissenschaftlich die Vorgänge um Sarrazins Buch betrachtet, kann man ohne Mühe feststellen, dass nach jahrzehntelanger erzwungener Selbstentfremdung durch die herrschende Linkslastigkeit sich nun die fast völlig unterdrückte rechte Mitte erholt. Dass das im Rahmen einer geordneten politischen Debatte mit seriöser Argumentation abläuft, ist eigentlich ein bemerkenswerter Vorgang, dessen Skandalisierung nicht so recht gelingen will. So wie die Wiedergeburt der rechten Mitte ohne Aufruhr und demagogische Begleiterscheinungen abläuft, ist die beschworene Gefahr des Rechtsextremismus eher mit der fragwürdigen Arbeitsweise der Verfasser solcher Studien oder sogar als reines Phantasieprodukt zu erklären. In Vorgängen wie dem Aufruhr um den Stuttgarter Bahnhof dagegen, die billigend die Beschädigung des Rechtsstaates in Kauf nehmen, sieht niemand eine Gefahr für die Demokratie. Vielleicht deshalb, weil den Initiatoren in einer Art vorgezogenem einseitigem Wahlkampf in Baden-Württemberg ein deutlicher Vorsprung bleibt, ob der Bahnhof nun gebaut wird oder nicht. Wir wollen auch nicht vergessen zu erwähnen, dass Georg Lukács 1940 den von ihm ausgebildeten Funktionären einschärfte, dass aus den Deutschen wegen ihrer Totalitarismuserfahrung im nationalistischen Sozialismus keine guten Kommunisten zu machen seien. Er untersagte jede Werbung für den Sozialismus und empfahl statt dessen, Faschismus zu bekämpfen, selbst dann wenn es keinen gäbe. Diese sogenannte Antifa-Strategie hält Jürgen Trittin noch heute für ein Erfolgsmodell, da er sie lehrbuchmäßig zur Grundlage seiner Angriffe auf Ministerpräsident Seehofer machte.

Die Entschlossenheit, mit der eine „freie“ Presse, die sich mit wenigen Ausnahmen vom Volk fast emanzipiert hat, in einer nachgewiesenen Absprache die Herkunft von Rechtsbrechern verschweigt, um die Zahl der Straftaten der ausländischen Gäste dem Souverän der Bundesrepublik Deutschland zu verheimlichen, kennt man eigentlich nur aus nichtdemokratischen Ländern. In den USA mit einschlägiger Gesetzgebung würden in solchen Fällen sogar Ermittlungen wegen Verschwörung aufgenommen. Dieser Schutz der Bestandsbedingungen unseres Gemeinwesens existiert aber leider nicht mehr. Es nützt wenig, in solchen Fällen immer nach dem Staat bzw. dem Gesetzgeber zu rufen. Solange bei Zeitungen und Fernsehsendern die Auflagen und Zuschauerzahlen unverändert bleiben, ganz gleich ob nun seriös oder gegen alle Regeln des Journalismus veröffentlicht wird, ist eine Rückkehr zu seriöser Berichterstattung eher unwahrscheinlich. In England dagegen, der Mutter der modernen Demokratien, wären beispielsweise Zeitungen, die vergleichbare Artikel veröffentlichten, in kürzester Zeit durch Abo-Kündigungen, Kaufboykott und Anzeigenentzug mit rückläufigen Auflagen konfrontiert.

Im Zustand des schon früher erläuterten Nihilismus bleiben nach Friedrich Nietzsche eigentlich nur noch zwei Strebungen in Funktion. Zum einen der Wille zur Macht, der sich in der Bekämpfung Andersdenkender längst ein kuscheliges Plätzchen in unserer öffentlichen Wahrnehmung eingerichtet hat. Zum anderen die Wiederkehr des immer Gleichen. Die Ideologen in ihrer stark eingeschränkten Wahrnehmung benutzen ja auch seit Jahrzehnten, bei welchem Thema auch immer, mit geringen Abweichungen die gleichen Argumente. In linken bis linksliberalen Zeitungen und Sendungen signalisieren endlose Wiederholungen linker Ansichten, dass nichts Neues zu erwarten ist, weil man alle Argumente schon x-mal gelesen und gehört hat.

Wiederholungen von Stereotypen leiten auch die SPD-Führung bei ihren Bemühungen, über das Ereignis Sarrazin zur Tagesordnung zurückzukehren. Klaus Wowereit setzte sogar noch einen drauf und propagierte ein Emanzipationsmodell zwischen Einheimischen und Zuwanderern. Das bedeutet nichts weniger, als dass die Unterschiede zwischen Einheimischen und Zuwanderern ohne vorausgegangene Integration verschwinden sollen, was letztlich auf das Wahlrecht für Ausländer in teilautonomen Parallelgesellschaften und eine Fragmentierung unseres Staatsgebietes hinausliefe. Parteichef Gabriel hält sich in dieser Hinsicht bedeckt und ruft stattdessen dazu auf, ausgewählten Notleidenden zu helfen. Offensichtlich beantwortet die SPD-Führung damit Fragen, die ihr niemand stellt und über die als Existenzbedrohung empfundenen Probleme mit den Zuwanderern, die von der Wirklichkeit auf die politische Tagesordung gesetzt sind, geht sie schweigend hinweg. Gabriel hat der Parteilinken Andrea Nahles die Anklage im Parteiausschlussverfahren gegen Sarrazin übertragen. Auf den ersten Blick kann man dies für ein feines Kabinettstückchen politischer Taktik halten, also das, was man unter einer „win-win-Situation“ versteht, einer Lage, in der man nicht verlieren kann. Scheitert Nahles in dem Ausschlussverfahren, ist jeder Kritik der Parteilinken die Spitze abgebrochen. Setzt sie sich durch, verfügt Gabriel über eine innerparteiliche Hausmacht gegenüber den unwilliger werdenden SPD-Konservativen. In diesem Verfahren stehen Sarrazin, seine Parteizugehörigkeit und die Entwertung seiner Äußerungen nur vordergründig zur Debatte, tatsächlich aber die Identität des demokratischen Sozialismus. Lebenswichtige Fragen mit Taktik zu behandeln, ist auch eine der Ursachen dafür, dass der Schrumpfungsprozess der Volkspartei SPD wohl weitergehen wird.

Als sich die sozialistische Bewegung im 19. Jahrhundert in Bolschewiken und Menschewiken spaltete, gab es fortan die Mehrheitsfraktion, die weiter mit den Mitteln des Glaubenskrieges, Feuer und Schwert, den Sozialismus verbreiten wollte. Zum anderen eine Minderheitsfraktion, die diese „Dschihad-Mentalität“, würden wir heute sagen, ablehnte und eine Tradition des notlindernden und humanen Sozialismus begründete. Die Repräsentanten dieses konstruktiven demokratischen Sozialismus wie Friedrich Ebert, August Bebel, Kurt Schumacher, Ernst Reuter, um nur einige zu nennen, prägten wesentliche Züge der BRD und das, obwohl sie meistens nicht in der Regierungsverantwortung waren. Diese Sozialdemokratie sitzt nun auf der Anklagebank. Es ist fast unbegreiflich, dass Kräfte in der SPD diese befreiende Abspaltung rückgängig machen und ihre Partei in die Arme der nur oberflächlich nachdemokratisierten LINKEN treiben wollen, die sich bis heute vom Bolschewismus nicht distanziert haben. Sollte schon vergessen sein, dass die Sozialdemokraten in der DDR Staatsfeind Nr. 1 waren und in die Zwangsjacke SED gesteckt wurden, von den Leiden und Opfern der Standhaften ganz zu schweigen? Ist das denn wirklich so schwer zu begreifen, dass durch Enttäuschung der Hoffnungen, die Sarrazin geweckt hat, die SPD diskreditiert und geschwächt werden soll, damit sie nur in einem Bündnis mit der LINKEN als Juniorpartner noch überleben könnte?

Was eine absolute Mehrheit unseres Volkes als existentielle Bedrohung vorwiegend durch muslimische Immigranten erlebt, wird uminterpretiert und beschönigt, deshalb sollte man dazu Autoritäten der Muslime selbst zu Wort kommen lassen. So z.B. den salafitischen Rechtsgutachter Scheich Abu-l-Hassan as-Sulaimani (Eine Fatwa – übersetzt vom Institut für Islamfragen, 25.5.2010), der ausführte, dass Muslime in der Minderheit sich gemäß der Koranverse, die zu Duldung und Toleranz aufrufen, der Mekka-Richtung, zu verhalten haben und erst wenn sie die Ungläubigen und Polytheisten überwältigen können, nach den Medina-Regeln, diese mit Feuer und Schwert zu bekämpfen haben. Beide Strategien sind dem Islam eigen und werden gemäß der äußeren Machtbedingungen entschieden und angewendet. Das wirft ein ganz anderes Licht auf die Sachkenntnis unseres früheren Innenministers und dessen hochgelobte Zusammenarbeit mit gemäßigten Muslimen.

Die Vorherrschaft der Ideologen hat bei gleichzeitiger Schwäche des Souveräns dieses Staates ihren Grund in der immer noch ungelösten Frage, wie wir Deutschen zur Demokratie stehen. Nach den Niederlagen in zwei Weltkriegen wurden wir nicht nur geplündert und großer Gebiete beraubt, sondern auch zu Demokraten gemacht. Diese wenigen Hinweise mögen genügen als Erklärung für die bis heute zwiespältige Haltung von uns Deutschen zur Demokratie, mit der wir uns zwar abgefunden haben, aber nicht ernsthaft Wesentliches für unser Überleben und Selbstbehauptung von ihr erwarten. Gewissermaßen ist die Demokratie, gegen die niemand öffentlich agitiert, aber immer noch das fünfte Rad am Wagen, denn die Erwartungen der Sicherung unserer staatlichen und Volksexistenz haben eigentlich keinen konkreten Adressaten. Die Parteipolitik vermochte auch bis heute nicht, diese innere Distanz abzubauen. Aus den dargestellten Gründen kann man die Furcht der Ideologen vor einer neuen „Machtergreifung“ zwar als maßlos übertrieben, aber nicht als völlig substanzlos und aus der Luft gegriffen zurückweisen. Besorgniserregend bleibt, dass die Erwartungen an unsere Existenzsicherung nicht an die Demokratie geknüpft sind, sondern eher an diffuse Hoffnungen. Ohne Adressaten erwartet man das, was Moishe Arye Friedman, der orthodoxe Oberrabiner von Wien gesagt hat, dass er dem deutschen Volk eine gute und gedeihliche Zukunft wünscht.

Es steht aber noch mehr auf dem Spiel, so z.B. die in der Antike wurzelnden Säulen und Grundlagen unseres Staates. Aristoteles vertrat in der Nikomachischen Ethik die Auffassung, dass die Wahrheit in der Mitte liege, was durchaus auch politisch gemeint war. Aristoteles lehrte, dass – in unsere Verhältnisse übertragen – eine funktionierende Politik einen linken und einen rechten Flügel braucht und eine stabile Mehrheit der Mitte, die regiert. Er warnte davor, die Extreme zu unterdrücken und empfahl stattdessen, ihre berechtigten Anliegen aufzunehmen und politisch durchzusetzen, weil sonst das Staatswesen in der Indifferenz und Mittelmäßigkeit, zu der die bürgerliche Mitte neigt, versinken würde. Er warnte aber ebenso davor, den Flügeln die Macht über das Gemeinwesen zukommen zu lassen. Es dürfte in unserer jüngeren Geschichte noch gegenwärtig sein, was passierte, als der rechte Flügel die Mitte überwältigte und an die Macht kam. Deshalb ist es so wichtig zu begreifen, was passieren könnte, wenn jetzt der linke Flügel droht, sich die Mitte und die Mehrheit zu unterwerfen.

Und zum dritten steht auch das Christentum unter Verfolgung vor allem durch auf die Substanz gerichtete Umdeutungsangriffe. Obwohl das Schicksal des Christentums als Religion in anderen Händen liegt, die unserer Hilfe nicht bedürfen, geht es vielmehr um das, was in unserem Land und Volk durch das Christentum bestandskräftig und überlebensfähig gemacht wurde, also Auswirkungen auf unsere Existenzbedingungen hat. Dazu wäre vor allem anderen das vonnöten, was man eine Scheidung der Geister nennt. Vor circa 40 Jahren sorgte an unseren Universitäten eine Kampagne mit dem Motto „Christen für den Sozialismus“ für Gesprächsstoff. Die Argumentation stützte sich auf die Nähe von sozialistischer und christlicher Moral und schlussfolgerte daraus, dass für Christen die modernste Art, ihren Glauben in der Welt zu praktizieren, der Kampf für soziale Gerechtigkeit sei. Nach einer Anlaufphase verschwand diese Kampagne trotz unbestreitbarer Erfolge völlig aus der Öffentlichkeit. Das erklärt sich vielleicht aus ihrer Besonderheit, denn die „gewonnenen Überzeugten“ wurden nicht in sozialistische Vereinigungen abgeworben, sondern im Gegenteil angehalten, in ihren christlichen Herkunftsverbindungen zu verbleiben. Die davon geprägten Christen nennt man heute moderne Christen und schmückt sie sogar mit dem Attribut „Querdenker“. Auffällig ist, dass von diesen von der guten Nachricht der Christen, von der Liebe Gottes und der im Leiden und Auferstehen Christi erworbenen Vergebung der Sünden in Wort und Tat nichts zu vernehmen ist. Ganz im Gegenteil stehen sie Seite an Seite und in Übereinstimmung mit den Ideologen, diskriminieren und verfolgen trotz gesetzlich geschützter Meinungsfreiheit Andersdenkende, auch gläubige Christen. Wenn die These stimmt, dass Gott der Allmächtige, Allwissende und Allweise ist, ist nicht nachvollziehbar, weshalb dieser Allmächtige Belehrung und Unterstützung von Ideologen bräuchte. Jetzt hat es ja im Christentum immer auch die Erscheinung gegeben, dass Gläubige etwas ganz anderes machen, als von ihnen zu erwarten wäre. Sobald sie sich aber unter Aufrechterhaltung christlichen Scheins in den Dienst anderer Heilslehren stellen, erfüllen sie weder die Bedingungen des Glaubens, noch die des Unglaubens, sondern die Bedingungen von Renegaten, also Überläufern. Ebenso bedauerlich wie bezeichnend ist, dass die durch diese Kampagnen Angefochtenen von ihren Kirchen alleingelassen, nicht korrigiert oder zurechtgewiesen und notfalls ausgeschlossen, sondern stattdessen in kirchliche Ämter berufen wurden. Diese Verwischung der Unvereinbarkeit von christlichem Glauben mit den politischen Ersatzreligionen der Ideologien wird von den Verantwortlichen in Kirche und Politik bis heute als Toleranz ausgewiesen. Vielleicht wäre es an der Zeit, unter diesen Gesichtspunkten die Aktivitäten einiger dieser Protagonisten mit zwei Gesichtern neu und realistischer zu bewerten.

Die ungesteuerte Wucherung des Sozialstaates, der ursprünglich die Not der Schwächsten lindern sollte, hat bisher alle Korrekturversuche zunichte gemacht. Entgegen der ursprünglichen Absicht wurde zwischen den Lebensbedingungen der Arbeitenden und denen der Hilfsbedürftigen Gleichstand hergestellt. Lebensstandardsteigerungen wurden vorrangiger Inhalt der Politik. Die richtige Absicht, die Arbeitenden am Lohn der Mühen gerechter teilhaben zu lassen, zielte auf die faire Verteilung des Erarbeiteten. Der Lebensstandard wurde aber vom erwirtschafteten Ergebnis der Arbeit abgekoppelt und entwickelte, angetrieben von sich übertreffenden Wohlfahrtsparteien und -politikern ein eigenes Wachstum. Als das Wachstum der Ansprüche das Wachstum der Wirtschaft übertraf, wurde mit Schulden zufinanziert, weil sich niemand traute, seine Partei oder seine Karriere mit der Forderung von Einschränkungen zu zerstören. Für die jeweilige Opposition erwies sich die Anprangerung der halbherzigen Versuche gegenzusteuern als Sozialabbau und das Versprechen, ohne Rücksicht auf das Ganze Anspruchssicherungen und in einigen Fällen sogar Zulagen zu gewähren, als sicherer Wahlsieg. Da auch ohne Ansehen von Person und Umständen geholfen wurde, konnte man sich auch folgenlos „Null-Bock-auf-Arbeit“ leisten. Wie ein Lauffeuer ging die Botschaft vom Schlaraffenland Deutschland um die Welt und der Zustrom begann. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass viele Zuwanderer die Chance nutzten und fleißige, angenehme Mitbürger wurden. Aber Hunderttausende leben zum Teil seit über 30 Jahren bei uns und haben bisher ihren Lebensunterhalt noch nicht durch einen einzigen Tag eigener Arbeit bestritten. Alle Versuche, vollständige Angaben zu erhalten über das ganze Ausmaß dieses Skandals scheitern, weil diese wie ein Staatsgeheimnis gehütet werden. Unkontrollierbar viele Angehörige der Gastarbeiter gehen in der Türkei und in Griechenland beispielsweise kostenlos zum Arzt und bluten unser Gesundheitssystem aus. Da der Umverteilungswahn sich nicht auf das tatsächlich Erarbeitete und auf Deutschland beschränkt, gerät unser Land zum Menschheitssozialamt mit dem Ergebnis, dass unsere Finanzen, besser gesagt unsere Schulden u.a. so sind, wie sie eben sind.

In unserem Bildungswesen ist wie ein Dogma die Evolutionslehre vom Kindergarten bis zur Universität installiert. Die eklatanten Widersprüche werden ignoriert. Die Ergründung der Herkunft dessen, was sich da entwickelt, interessiert nicht, sondern wird fraglos gesetzt. Die Behauptung der Abstammung des Menschen vom Affen, konfrontiert mit den Funden von Ausgrabungen, müsste konsequent als irrig widerrufen werden, da Evolutionsstufen beim Menschen sicher belegt sind aber noch keine Affenspezies seit überprüfbaren Zeiten zum Menschen aufgestiegen ist. Die Affenabstammungstheorie als Herleitung des Menschen aus dem Tierreich war auch hilfreich bei der Durchsetzung der defacto Gleichstellung der Geburt von Ungeborenen mit deren Tötung durch Abtreibung. Die seltsamste soziologische Variante der Evolutionslehre ist die Gender-Main-Stream-Theorie. Gender-Main-Stream machte in den USA kurz Furore, wurde in der dortigen freien wissenschaftlichen Debatte als unwissenschaftlich widerlegt und kommentarlos weggelegt. Nicht so in Deutschland, wo dieser Unsinn in den Kreis unverzichtbarer Bildungsgüter und in die Lehrpläne aufgenommen wurde. Dagegen wendet sich in aussichtsloser Position der biblizistische und buchstabengläubige Kreationismus. Deren im Prinzip nihilistischer Machtkampf ingnoriert, dass die Bibel vor allem anderen Zeugnis gibt vom Verursacher von allem, während die Wissenschaft Prozesse erklärt und Grundlagen erforscht. Also eine ideologisch motivierte, nicht wissenschaftlich klärbare, sondern nur durch Verdrängung entscheidbare Konfrontation des biblischen „Wer“ mit dem naturwissenschaftlichen „Wie“. G.W.F. Hegel benannte die Realität als den Ort, an dem sich Wahrheit und Wirklichkeit durchdringen. Ein Prozess, bei dem geistlose Realität zu Wahrheit kommt und die abstrakte Wahrheit konkret wird, wobei die Wahrheit immer ganz vorhanden ist, aber je nach Fortschritt des Prozesses unterschiedlich weit ausgefaltet.

Ein weiteres Kennzeichen unseres Bildungswesens ist die Abkehr von Autorität in jeder Form. Was als Liberalisierung begann, ist längst ins Libertäre, ja sogar Anarchistische umgeschlagen. Im Fadenkreuz sind die politische Obrigkeit im Staat, die Eltern in der Familie, die Lehrer in Schule und Universität. Die Wirtschaft ist weniger betroffen, weil Fehlentwicklungen dort in eine ungewollte strenge Diät ausarten könnten. Die Gleichstellung von allem mit jedem wird rigoros durchgesetzt und ist damit das letzte Diktat in einem fortschreitenden egalitären Auflösungsprozess. Die Anwendung des rationalistischen und materialistischen Gleichheitsdogmas setzt u.a. Familien mit Schwulen- und Lesbengemeinschaften gleich, Inländer mit Ausländern, Christen mit Muslimen und als aktuelles Beispiel den von Landfriedensbruch nicht zu unterscheidenden Aufruhr um den Stuttarter Bahnhof mit der Ordnungsmacht der Polizei. Diese Anwendung von Gleichheit zerstört jede Individualität und Identität, denn wenn alles gleich ist, ist alles gleich wichtig, aber auch gleich unwichtig, also beliebig. Dann wäre auch alles was ist gleich gültig und damit nichtig. Nach dieser Art von Gleichheit werden auch die unsäglichen Talk-Shows zusammengesetzt. Bei der Diskussion über sozialistisches Unrecht sitzen die Linken gleichberechtigt am Tisch und in der beginnenden Integrationsdebatte die Muslime. Die Linken konnten unter diesen Bedingungen dafür sorgen, dass ihre Ersatzreligion mit der Wahrheit und Wirklichkeit konfrontiert nicht widerlegt wurde, sondern alle Versuche in einem relativistischen Gemisch von individuellen Ansichten erstickte. So werden jetzt in der anlaufenden Integrationsdebatte nicht die Bedingungen diskutiert unter denen Ausländer Deutsche werden, sondern die Zuwanderer erheben gleichberechtigte Forderungen danach wie sie Ausländer bleiben können. In beiden Fällen verhindert die ideologisch motivierte Zusammensetzung der Gesprächsrunden, dass das deutsche Volk seine ureigensten Angelegenheiten ungehindert öffentlich diskutieren und entscheiden kann. Solche Gesprächsrunden, die nicht auf die Wahrheit gerichtet sind, müsste Hegel gemeint haben, als er einmal sagte, Gespräche über Gott und die Welt sind die einzigen, die es zu führen lohnt, der Rest ist Geschwätz.

In einem Bildungswesen, das vorrangig technisch-naturwissenschaftlich qualifiziert und darüber hinaus wenig mehr als wirtschaftliche und administrative Kenntnisse vermittelt, ist das Denken eines Gottes eigentlich nicht mehr möglich, schon gar nicht eines Allwissenden, Allweisen oder gar Allmächtigen. Vielleicht sollten wir uns allmählich mit dem Gedanken vertraut machen, dass wir, ohne jemals gefragt worden zu sein, einer Umerziehung unterzogen werden, die darauf zielt, unsere Herkunftskultur des christlichen Abendlandes, von deren verrinnenden Resten wir noch zehren, endgültig abzuschaffen und sogar, außer den Fehlern, die Erinnerung daran aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen.

Im Mittelalter kannte man in den Klöstern die sogenannte Mönchskrankheit. Die Brillanz und Pracht des Geistes erlebten diese gelehrten Mönche in ihren Studien, hielten die Konfrontation mit der Wirklichkeit, in der es doch so ganz anders zugeht, nicht aus und versanken über der Ohnmacht des Geistes in abgründige Melancholie. Das entspricht etwa dem Lebenslauf des Dichters Hölderlin. Diese Zustände, wie zuvor geschildert, muss Hölderlin im Blick gehabt haben, als er von der „düsteren Zeit“, der Entscheidendes fehlt, sprach. Die düstere Zeit ist nach Hölderlin die gottlose Zeit und die gottlose Zeit die geistlose. Die geistlose Zeit interpretiert er als die seelenlose und herzlose Zeit.

Deshalb müssen vorrangig geistige Wege gefunden werden, die Schäden durch das politische und soziale Denken der Ideologien zu sanieren, wobei zu bedenken ist, dass der Geist sich nicht herbeizwingen lässt, sondern weht wann und wo er will. Der Stuttgarter Sozialphilosoph Rohrmoser sagte einmal, die NS-Führung habe mit ihrer unmoralischen Politik Deutschland ruiniert und wir seien jetzt dabei festzustellen, dass man mit zu viel Moral zu dem gleichen Ergebnis kommen kann. Die vorstehende Zusammenstellung signifikanter Zustandsbeschreibungen der zentralen Bereiche unseres Gemeinwesens deuten darauf hin, dass wenn diese Entwicklung ungebrochen weitergeht, wir die Realität dieser Prognose des Sozialphilosophen erfahren werden. Insgesamt bietet sich unser Staatswesen im Zustand eines vielfach schwer erkrankten Patienten dar. Günter Rohrmoser war wie Platon der Meinung, dass Philosophie Medizin für die Seele und der Philosoph der Arzt der Kultur sei. Das würde bedeuten, dass wir der hochrechenbaren Entwicklung nicht durch Experimente mit politischen Methoden und Systemen oder ideologischen Verführungskünsten entkommen können, sondern nur durch eine neue Philosophie. Philosophie ist mit Medizin in dem Sinne identisch, dass sie wie in der menschlichen Medizin „Krankheitskunde“ ist, aus deren Diagnosen sich die notwendigen Korrekturen ergeben. Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass eine geistige und ethische Erneuerung das zentrale Stiftungsereignis der Philosophie von Günter Rohrmoser ist. Dafür schöpfte er aus dem besten der antiken, mittelalterlichen und modernen Geistesgeschichte und interpretierte sie hoch aktuell.

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